Tag 7 - Gender & mein Selbstbild in der Gesellschaft

“Wenn Gender doch ein Konstrukt ist, wieso muss ich dann mitmachen?” Ja, das ist eine gute Frage. Leider bestimmt Gender in der Gesellschaft immer noch viel. Zum einen „braucht“ die Gesellschaft Gender, weil sie Menschen einordnen will. Zum anderen liegt es an dir, dein Leben und die Gesellschaft aktiv mitzugestalten, damit sich etwas ändert.

Benachteiligtes „Geschlecht“

Die eine Seite ist dabei deutlich im Nachteil: Die Schattenseiten für Kinder, die gesellschaftlich gesehen „als Mädchen“ geboren werden, sind enorm. Viele junge Mädchen* werden in verschiedensten Ländern der Welt benachteiligt: Schulbildung, Wahlrecht, Position in der Familie oder Gesellschaft, Gewalt. Das Recht, zu tragen, zu sagen und zu tun, was sie wollen, ist schlichtweg nicht gegeben. Gleichzeitig verschiebt sich in vielen Gesellschaften die Demografie. Und zwar aufgrund der Vorteile, die Jungen* und Männern* in diesen Ländern inne stehen. Weibliche* Babys werden häufiger abgetrieben oder getötet als männliche*. Drastisch gesagt wird hier das eine biologische Geschlecht dem anderen biologischen Geschlecht vorgezogen, nur weil die Gesellschaft diesen körperlichen Merkmalen über die letzten Jahrtausende hinweg einen enorm hohen Wert beigemessen hat.

Woher kommt das? Natur oder Kultur?

Natürlich gibt es geschlechterspezifische Unterschiede. Das Zusammenleben der Menschen hat eine 200 Millionen Jahre lange Geschichte. Die biologischen Geschlechter haben sich durch die Gegebenheiten auch in ihren charakterlichen Eigenschaften voneinander entfernt:

Wenn wir in der Evolution weit zurückgehen, landen wir bei den Unterschieden gebärfähig und nicht gebärfähig. Die Fortpflanzung spielt evolutionär betrachtet eine Rolle. Schwangerschaft, Geburt, Stillzeit fallen dem einen biologischen Geschlecht zu. Derweil wächst die Gewaltbereitschaft beim anderen biologischen Geschlecht durch Rivalitätskämpfe, Konkurrenz und Schutz vor Angriffen. Geschichtlich ist Männlichkeit* mit stark, kalt und gewalttätig assoziiert. Gleichzeitig sind genau das die Attribute, die heute mit dem Begriff der „toxischen Männlichkeit“* in Verbindung gebracht werden. Beides ist nicht falsch und nicht richtig. Es ist in den richtigen Kontext zu bringen: Einem Kind heute beizubringen, dass stark, kalt und wütend die falschen Gefühle sind, hat vielleicht zur Folge, dass dieses Kind gar keine Gefühle zulässt.

Es geht nicht darum, ob die Kultur (=Gesellschaft) oder die Natur (=Biologie) Schuld trägt. Die Biologie gibt den Spielraum vor und die Sozialisierung macht die Regeln. Genau hier liegt es an dir: Wie sprichst du mit Kindern? Nutzt du Geschlechtsstereotype, auf die du im Umgang mit Kindern verzichten kannst?

Geschlecht in der Gesellschaft

Was die Gesellschaft getan hat, ist folgendes: Sie hat alle Menschen angeschaut und anhand ihrer Genitalien zwei Gruppen gebildet. Mädchen und Jungen*, Männer und Frauen*. Wieso aber werden nur Genitalien als Merkmale berücksichtigt? Würden mehrere Merkmale berücksichtigt, wären die Kombinationsmöglichkeiten enorm. Ist es nicht absurd, dass die gesamte menschliche Vielfalt anhand zweier Merkmale unterschieden wird?

Der Vorteil von Diversität

Manchmal sind es komplexe Gründe, wie Religion, wegen derer Menschen nicht sein können, wie sie wollen. Aber gerade Glaube hat für die wenigsten Menschen etwas mit ihrem Geschlecht zu tun. Wenn die Gesellschaft entspannter mit Gender umgehen würde, wären viele Probleme gelöst. Die Menschen könnten ihre Sexualität vielfältiger leben. Chancen würden sich angleichen, Erwartungen würde sinken. Druck würde weniger werden.

Gender Fluidity und Non-Binarität gäben Kindern die Möglichkeit, sich nicht in Rollen einordnen zu müssen.

Was bedeutet Non-Binärität oder „Gender Fluidity“ ?

Non-Binärität, „Gender Fluidity“ = Fluididät von Geschlechtern [nicht definierte geschlechtsspezifische Ausrichtung], keine Festlegung auf ein Geschlecht

Was sagt die Medizin?

Biologisch betrachtet ist es so: Menschen werden mit geschlechtsspezifischen Merkmalen geboren. Vielleicht hast du im Text „Der normierte Körper“ dazu schon was gelesen. In der Medizin gilt aber auch: Das Identitätsgefühl und das bei der Geburt zugeordnete biologische Geschlecht können sich uneinig sein. Korrekt wird das als „Körper-Geschlechtsinkongruenz“ benannt.

Für manche Menschen ist das ok. Für andere aber entsteht ein richtiger Leidensdruck, der in schlimmen Fällen verschiedene Lebensbereiche beeinträchtigt. Medizinisch korrekt wird dieses Gefühl als „Genderdysphorie“ bezeichnet. Das heißt auf gar keinen Fall, dass es ein „richtig“ und ein „falsch“ gibt! Dysphorie bedeutet Leid. Genderdysphorie bedeutet also, jemand leidet unter seinem oder ihrem Geschlecht. In der Medizin ist dieses Leid dadurch gekennzeichnet, dass sich die Person sehr stark mit ihrem Geschlecht identifiziert. Häufig wird das Leid von Angst, Depression und Reizbarkeit begleitet. Auch der Wunsch, als ein anderes Geschlecht zu leben, gegenüber dem bei der Geburt zugewiesenen Geschlecht, kann bestehen.

* Die Bezeichnung Mädchen, Jungen, Männer und Frauen sind in diesem Text bewusst so gewählt, um auf politische und gesellschaftliche Unterschiede aufmerksam zu machen.

Dieser Text entstand in Zusammenarbeit mit Dr. med. Carla Pohlink, die als Ärztin und Sexualtherapeutin arbeitet.

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Lisa

Lisa Claus ist die SiClaro Hausautorin und führt dich textlich durch die 90 Tage Journey