Tag 10 - Selbstbild / Fremdbild

Triggerwarnung: Der Text behandelt sensible Inhalte zur Thematik Outing. Solltest du dich damit nicht wohlfühlen, kannst du den Text gerne überspringen oder gegebenenfalls mit jemandem gemeinsam lesen.

Wer bin ich wirklich? Wer gebe ich vielleicht vor zu sein, weil ich glaube, dass es von mir genau SO erwartet wird? Vielleicht kommt dir die folgende Geschichte bekannt vor. Denk dich gern mit rein!

Erwartungen von anderen

Eine Freundin von mir hat eine Oma. Die Freundin war bis vor zwei Jahren mit einem Mann verheiratet. 10 Jahre waren sie zusammen. Sie hat sich von ihm getrennt und ist jetzt mit einer Frau zusammen. So weit, so gut. Wieso erwähne ich die Oma im ersten Satz?

Es ist so: Wann immer die Freundin ihre Oma anruft, heißt es am Ende: „Liebe Grüße an deinen Mann.“

Ich habe meine Freundin gefragt, ob sie das nicht stört und ihre Antwort war: „Ich will meine Oma doch nicht aufregen.“

Outing

Das Beispiel hinkt vielleicht etwas: Erstens ist die Oma alt und vergisst viel. Also selbst wenn meine Freundin ihr sagen würde, dass sie jetzt mit einer Frau zusammen ist, würde die alte Frau vielleicht weiter den Ex-Mann grüßen. Zweitens ist Outing für viele Menschen eine große Sache. Vor allem, wenn sie vorher lange in heterosexuellen Partnerschaften waren. Dennoch geht es auch in diesem Fall um Erwartungen von außen. Die Enkelin hat Angst vor den Erwartungen ihrer Oma. Sie glaubt, die Oma erwartet von ihr, dass sie mit einem Mann eine Partnerschaft führt. Fairerweise müssen wir sagen, dass die Oma nicht die Chance hat, etwas anderes zu erwarten, wenn sie nichts von der neuen Beziehung weiß. Meine Freundin lebt heute in fast allen ihren Lebensbereichen offen als Frau, die mit einer Frau zusammen ist. Nur die Oma lebt mit einem anderen Fremdbild von ihrer Enkelin.

Fremdbild und Selbstbild

Das Fremdbild ist eigentlich das Bild, das andere Menschen von dir haben. Manchmal hängt aber unser Selbstbild viel näher mit dem Fremdbild zusammen, als wir es uns wünschen. Für meine Freundin zum Beispiel war es am Anfang total ungewohnt, sich als Frau zu sehen, die jetzt mit einer Frau zusammen ist. „Wer bin ich wirklich?“ Die Gefühle waren für sie eigentlich dieselben wie bei anderen Beziehungsanfängen: glücklich, aufgeregt, unsicher und sicher zu gleich. Verliebt eben. Nur hat sie sich Gedanken gemacht, was andere von ihr denken könnten.

Sie fragt mich: „Hab ich bis jetzt vorgeben, eine andere Person zu sein?“

Ich sage: „Sehr wahrscheinlich nicht. Du warst doch glücklich.“

Wen sie liebt, geht keinen Menschen etwas an. Nur sie selbst. Das hört sich so einfach an. Und doch verstehe ich, wo ihre Frage herrührt.

„Wer bin ich wirklich?“

Die Gefühle waren für sie eigentlich dieselben wie bei anderen Beziehungsanfängen: glücklich, aufgeregt, unsicher und sicher zu gleich. Verliebt eben. Nur hat sie sich Gedanken gemacht, was andere von ihr denken könnten.

Geschlechtlichkeit im Fremdbild

Geschlechtlichkeit stellt das gesamte Empfinden und Verhalten im Bereich der Liebe und Sexualität dar. Sie wird auch oft mit Identität verbunden. Wenn Geschlechtlichkeit nicht dem entspricht, was das äußere Umfeld erwartet, kommen nicht selten Selbstzweifel auf.

„Gebe ich vielleicht vor, etwas zu sein, weil ich glaube, dass andere von mir erwarten, so zu sein?“ Ganz früh kriegen wir Geschlechtlichkeit von außen zugeschrieben. Wenn es nicht unsere Eltern sind, sind es wie im Beispiel unsere Großeltern, deren Erwartungen wir nicht enttäuschen wollen. Oder deren Nerven wir nicht strapazieren wollen.

Ab welchem Punkt strapazierst du aber deine eigenen Nerven?

Selbstbild und Wunschbild

Wenn wir mit anderen zusammen sind, ist unser Selbstbild auch mit dabei. Vielleicht geschieht das unterbewusst, aber du lebst verschiedene Rollen, je nachdem, mit welchen Menschen du dich umgibst. Selbst wenn du nicht bewusst die Rolle lebst. Handlungen zwischen Freund*innen, der Familie oder in einer Paarbeziehung sind häufig an Erwartungen gekoppelt. Vielleicht wird von dir erwartet, irgendwie zu sein. Also versuchst du auch, so zu sein. Das heißt laut, leise, aktiv, passiv, gebend oder nehmend. Abhängig von der Situation. Manchmal wird somit das Selbstbild zu einem Wunschbild. Willst du so sein, wie es die Menschen erwarten, die dich umgeben?

Selbstannahme

Was wirklich zählt, ist: Erst wenn du dich selbst annimmst, kannst du mit anderen kommunizieren. Im Falle meiner Freundin war das so: Ihre Partnerin kam einfach zum nächsten Besuch bei der Oma mit. Dort wurde sie ihr vorgestellt und das war’s. Ob die Oma das behält oder vergisst, ist eine Sache. Wichtig für meine Freundin war es zu machen, um den Erwartungen entgegenzutreten.

Dieser Text entstand in Zusammenarbeit mit Dr. med. Carla Pohlink, die als Sexualtherapeutin und Ärztin in Altenburg arbeitet.
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Lisa

Lisa Claus ist die SiClaro Hausautorin und führt dich textlich durch die 90 Tage Journey